Exit erlaubt, Wollen nötig: Die Regeln der Dauer

 








Exit erlaubt, Wollen nötig:  

Die Regeln der Dauer



Warum Beziehungen an Selbstschutz sterben


Man sagt, Ehen zerbrechen an Konflikten.


Ein Irrtum – so bequem wie falsch. Sie zerbrechen an der niedrigen Fehlertoleranz derer, die sie führen – und an der Überforderung derer, die Autonomie zum Altar erhoben haben.

Zwei Wahrheiten stehen sich gegenüber wie zwei Spiegel, die einander blenden: die Logik des Bundes gegen die Logik der Autonomie. Und beide werfen Schatten.

Die Bundeslogik – das alte Pathos des Bleibens – hielt Menschen in Beziehungen, die sie verzehrten. Sie ist missbrauchsanfällig: Wer den Bund vergöttlicht, heiligt manchmal die Wunde.

Die Autonomie-Logik dagegen, modern und sauber, ist bindungsunfähig. Sie schützt vor Zumutungen – und amputiert Dauer.

Die Frage ist nicht, ob Risiken existieren. Die Frage ist, welches Risiko eine Gesellschaft zu tragen bereit ist.


Vergebung, sagt man, heilt.


Falsch. Zwangsvergebung traumatisiert. Aber permanente Unvergebbarkeit zerreibt das Soziale zu Staub.

Wo nichts mehr vergeben wird, wird nichts mehr gehalten. Und wo nichts gehalten wird, bleibt nur Bewegung – nicht Richtung, sondern Flucht.


„Die Menschen sind freier und glücklicher“

....ruft der Chor der Gegenwart.

Kurzfristig, gewiss. Langfristig beobachten wir Einsamkeit als Massenerkrankung, Bindungsangst als Charakterzug, Beziehungserschöpfung als Normalzustand.

Freiheit ohne Form ist Ermüdung.


Warum bleiben, wenn man leidet?

Eine berechtigte – aber gefährliche Verkürzung.Leid ist nicht Schwierigkeit.

Schwierigkeit ist der Preis der Dauer; Leid der Preis der Gewalt.

Wer beides verwechselt, erklärt jede Anstrengung zur Unmenschlichkeit.

Unmenschlich ist nicht Anspruchsvolles.


Unmenschlich ist, Menschen nur solange zu dulden, wie sie reibungslos funktionieren.


„Religiöse Ideologie!“, ruft man.


Gut. Dann ... warum selbst säkulare Therapien nicht ohne Treue, Vergebung und Commitment auskommen?

Man nennt es anders, parfümiert die Begriffe – der Kern bleibt derselbe.

Bindung ist keine Kontrolle.


Kontrolle ist das Müssen. Bund ist das Wollen, auch wenn es kostet.


Wenn Autonomie der höchste Wert ist, wird der Bund unvertretbar. Vielleicht. 

Dann brauchen wir bundesähnliche Strukturen mit klaren Exit-Sicherungen. Kein fauler Kompromiss, sondern ein neues Modell:

Dauer mit Notausgang, Anspruch mit Schutz, Treue ohne Zwang.


Was ist gefährlicher: zu früh zu gehen oder zu spät zu bleiben?


Die Moderne kennt nur die erste Angst, die Antike nur die zweite.

Weisheit liegt in der Spannung – nicht in der Flucht.


Warum also bleiben in einer unglücklichen Beziehung?


Weil Glück kein tragfähiger Systemparameter ist.

Autonomie schützt vor Leid – und produziert Bindungsunfähigkeit.


Religion hielt Menschen fest – Autonomie löst sie auf.

Gibt es keine Lösung?


Doch. Aber keine ohne Kosten.

Die Verheißung lautet nicht: glückliche Ehe. 

Sie lautet: tragfähige.


Und Tragfähigkeit, ist kein Gefühl. Sie ist eine Entscheidung, die sich täglich neu rechtfertigen muss.



Kommentare