Ghosting - Wer braucht schon ein Gespräch, wenn man ein Phantom sein kann?
Als es in meiner Beziehung zu einer anderen Person angespannt wurde, verschwand plötzlich das Bild im Status. Kein Wort, keine Erklärung, kein Abschied. Nur Leere. Ich fragte mich, was das zu bedeuten hatte – und sagte mir schließlich, dass dieses Phänomen einen Namen trägt: Ghosting.
Ghosting ist das moderne Verschwindenlassen. Menschen ziehen sich zurück, ohne Ankündigung, ohne Verantwortung, ohne Dialog. Sie werden zu Phantomen im Leben anderer. Was bleibt, ist die Stille – und ein schmerzhafter Verlust, der schwer greifbar ist, weil er nie wirklich ausgesprochen wurde.
Der Verlust durch Ghosting ist besonders schmerzhaft, weil er keine Form bekommt. Es gibt kein klärendes Gespräch, keinen Streit, keinen Abschluss. Nur offene Fragen. Habe ich etwas falsch gemacht? War alles eine Illusion? Diese Art des Verschwindens trifft nicht nur das Herz, sondern auch das Selbstwertgefühl.
In einer Zeit, in der Kommunikation einfacher ist als je zuvor, scheint sie gleichzeitig beliebiger geworden zu sein. Beziehungen werden nicht mehr repariert, nicht mehr in Ordnung gebracht. Stattdessen werden Menschen gelöscht – blockiert, ignoriert, aus dem digitalen Leben entfernt. Ein Klick genügt, und eine Verbindung, die vielleicht einmal wichtig war, existiert nicht mehr.
Ghosting ist oft ein Ausdruck von Überforderung, Konfliktvermeidung oder emotionaler Unreife. Doch das Wissen darum lindert den Schmerz nur bedingt. Denn für die zurückgelassene Person fühlt es sich an wie ein plötzlicher Verlust ohne Trauerprozess. Man kann nicht loslassen, weil man nie festhalten durfte.
Sich in solchen Momenten zu schützen, ist wichtig. Vorsichtiger zu werden heißt nicht, härter zu werden. Es bedeutet, die eigenen Grenzen ernst zu nehmen und zu erkennen, dass Schweigen auch eine Antwort ist – wenn auch eine schmerzhafte. Ghosting sagt oft mehr über den Gehenden aus als über den, der bleibt.
Vielleicht ist Ghosting das Symptom einer Gesellschaft, die gelernt hat, schneller weiterzugehen als hinzuschauen. Doch echte Verbindung braucht Mut: den Mut, zu sprechen, zuzuhören und auch unangenehme Gefühle auszuhalten. Denn ein Gespräch mag schwer sein – aber ein Verschwinden hinterlässt Wunden, die länger brauchen, um zu heilen.
Kommentare
Kommentar veröffentlichen